Was einst mit fünf Gästen und 50 Portionen Erbsensuppe begann, ist heute ein Angebot, das Woche für Woche 70 bis 90 Menschen erreicht. Im Interview erzählt sie, wie die Suppenküche entstanden ist, was die Gäste dort finden und warum Nächstenliebe für sie bedeutet, konkret zu handeln.
Zur Person: Sigrid Duhm-Jäckel Pastorin i.R. und Gründerin der Suppenkirche - Christuskirche in Leer
Frau Duhm-Jäckel, wie kam es 1998 dazu, dass Sie die Suppenküche gegründet haben?
Ausschlaggebend war ein eiskalter Herbst. Es hatte schon gefroren, und Menschen ohne Obdach kamen in unseren Gottesdienst. Ich fragte sie, warum sie kämen. Sie antworteten: „Wir kommen, um uns aufzuwärmen.“
In der Nähe der Kirche gab es eine Übernachtungsstation, in der die Menschen nachts schlafen konnten. Tagsüber mussten sie wieder hinaus in die Kälte. Ich dachte: Wir predigen Nächstenliebe, Wärme und Geborgenheit – und schicken die Menschen dann wieder hinaus. Da muss man doch etwas tun.
Am ersten Advent 1998 öffnete die Suppenküche zum ersten Mal. Wir hatten 50 Portionen Erbsensuppe und fünf Gäste. Sie waren glücklich, an einem gedeckten Tisch mit Blumen und Kerzen sitzen und bedient werden zu können. Eine Frau werde ich nie vergessen: Sie freute sich so sehr über diese Würde und Gastlichkeit.
Diese Arbeit habe ich nicht gesucht – sie hat mich gefunden. Sie lag mir gewissermaßen vor den Füßen. Wie beim barmherzigen Samariter: Da liegt jemand, und dann muss man helfen.
Was finden die Menschen heute bei Ihnen – außer einer warmen Mahlzeit?
Sie finden einen Ort, an dem sie willkommen sind und dazugehören. Heute kommen durchschnittlich 70 bis 90 Menschen zu uns. Die Armut hat deutlich zugenommen. Unter unseren Gästen sind Menschen ohne Wohnung, Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen, ältere Menschen, jüngere Menschen in schwierigen Lebenslagen und Menschen mit Suchterfahrungen oder psychischen Problemen. Hinter jeder Lebenslage steht eine eigene Geschichte.
Auch Einsamkeit ist für mich ein Stück Armut. Eine Frau sagte einmal: „Wenn ich sonntags allein vor meinem Teller sitze und niemanden habe, mit dem ich reden kann, habe ich schon keinen Appetit mehr. Aber hier treffe ich Menschen.“
Die Suppenküche ist deshalb auch ein Treffpunkt. Die Gäste wissen: Hier achten Menschen auf mich. Wenn jemand längere Zeit nicht da war, wird nachgefragt. Das tut vielen gut.
Wir nennen die Menschen bewusst Gäste. Sie sitzen an unserem Tisch. Eigentlich ist Gott der Gastgeber; wir geben von unserer Zeit und unseren Händen weiter.
Sie verbinden die Suppenküche mit Ihrem christlichen Glauben. Was bedeutet das konkret?
Beten und Handeln gehören für mich zusammen, Gottesdienst und Dienst am Nächsten ebenso. Wer bei Gott eintaucht, taucht beim Nächsten wieder auf.
Wenn es möglich ist, bin ich sonntags selbst in der Suppenküche und halte einen kleinen geistlichen Impuls oder spreche ein Gebet. Es ist schön zu erleben, wie spontan Menschen sich über ein geistliches Wort freuen.
Mir ist wichtig, dass Menschen erfahren: Ihr seid angesehen, weil Gott euch sieht. Ihr seid Kinder Gottes. Bei Gott seid ihr angesehen, weil ihr seine Kinder seid.
Die Suppenküche gibt es seit fast 28 Jahren. Was hat geholfen, die Arbeit über all die Jahre aufrechtzuerhalten?
Vor allem die vielen Menschen, die mithelfen und die Suppenküche unterstützen. Heute engagieren sich mehr als 40 Ehrenamtliche. Hinzu kommen Spenderinnen und Spender, Vereine und weitere Unterstützer. Ohne sie gäbe es diese Arbeit nicht.
Auch schwierige Zeiten haben uns immer wieder vor neue Aufgaben gestellt. Während der Corona-Pandemie konnten wir unsere Gäste beispielsweise nicht wie gewohnt im Gemeindehaus empfangen. Deshalb packten wir Essen und Lebensmittel und brachten sie jedes Wochenende zu den Menschen nach Hause. Dank vieler Spenden konnten wir auch Lebensmittelgutscheine ausgeben. Die Versorgung wurde nicht unterbrochen.
Besonders berührt mich, dass auch unsere Gäste etwas zurückgeben. Einer hilft beispielsweise beim Saubermachen und sagt: „Für mich ist das Gottesdienst, wenn ich hier den Saal sauber mache. Ich gebe etwas zurück von dem, was ich bekomme.“
Es ist ein Geben und Nehmen. Wir bekommen Freude und Dankbarkeit zurück und erleben, dass unsere Arbeit Menschen guttut.
Sie sind für Ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung?
Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass meine Arbeit auch von politischer Seite gesehen wird. Aber ich teile dieses Bundesverdienstkreuz mit allen, die in der Suppenküche mitarbeiten. Ohne die mehr als 40 Ehrenamtlichen gäbe es diese Arbeit nicht.
Es braucht Menschen, die anpacken, ihre Hand reichen, ihr Herz geben, andere sehen, ansprechen und ein offenes Ohr haben. Deshalb ist die Auszeichnung für mich vor allem eine Anerkennung unserer gemeinsamen Arbeit und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft.
Ich möchte Menschen eine Freude machen und ihnen zeigen, dass sie nicht übersehen werden. Es ist wertvoll, diese Freude in ihren Augen zu sehen. Entscheidend ist, hinzusehen und hinzugehen – und nicht nur einmal zu helfen, sondern verlässlich da zu sein und das Leben von Menschen ein wenig besser zu machen.
Interviewtext: Julia Fischer, Referentin für Medienarbeit, Sprengel Ostfriesland-Ems