Sei aufmerksam. Sei wachsam. Sei Mensch.

Pressemitteilung 14. Juli 2026

22 Jahre Gefängnisseelsorge: Ulli Schönrock im Gespräch über Würde, Vorurteile und Hoffnung

Pastor Ulli Schönrock bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand. Quelle: Kirchenkreis Emsland-Bentheim

Nach 22 Jahren als evangelischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Meppen-Versen ist Ulli Schönrock in den Ruhestand verabschiedet worden. In seiner Arbeit hat der Lingener Menschen in Ausnahmesituationen begleitet – unabhängig von ihrer Geschichte oder ihrer Schuld. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen hinter Gefängnismauern, warum er Gefangene nicht auf ihre Taten reduziert und weshalb Zuhören oft mehr bewirkt als gute Ratschläge. Außerdem erklärt er, warum Wiedergutmachung aus seiner Sicht nachhaltiger wirken kann als reine Bestrafung und welchen Gedanken er den Menschen zum Abschied mitgeben möchte.

Sie sagen: „Ich war noch nie so frei in meiner Arbeit wie im Gefängnis.“ Was meinen Sie damit?

Frei von vielen Vorgaben, Verwaltungs- und Strukturierungsprozessen konnte ich mich ganz auf die Menschen und ihre jeweilige Situation konzentrieren. Ich konnte das tun, was der Moment gerade erforderte. Auch wenn ein Gefängnis ein weitgehend geschlossenes System ist, gleicht kein Tag dem anderen. Jede Situation verlangt Aufmerksamkeit und oft auch individuelle Lösungen. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine große Freiheit im Handeln.

Warum lesen Sie die Akten der Häftlinge meistens gar nicht?

Weil der Mensch mehr ist als seine Taten. Gott steht auf der Seite der Opfer, aber er verlässt auch die Täterinnen und Täter nicht. Er sagt „Ja“ zum Menschen und „Nein“ zu dessen bösen Taten. Die von Gott geschenkte Würde eines Menschen ist unverlierbar – selbst dann, wenn jemand ihr auf schwerste Weise entgegengehandelt hat.

Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, sich von seinem Fehlverhalten zu lösen und wieder Teil der Gemeinschaft zu werden. Dafür braucht es den Blick auf den Menschen selbst und nicht nur auf das, was er getan hat.

Was brauchen Menschen in einer Krise am meisten: gute Ratschläge oder jemanden, der zuhört?

Eine Inhaftierung ist eine absolute Ausnahmesituation. Nichts funktioniert mehr selbstverständlich. Die Kommunikation nach draußen ist eingeschränkt, die Umgebung fremd, Privatsphäre gibt es kaum. Hinzu kommen Gefühle und Emotionen, die viele mit niemandem teilen können.

Mit Ratschlägen allein ist in einer solchen Situation wenig gewonnen. Zuhören, die Situation gemeinsam aushalten, Begegnung und Beziehung anbieten – das halte ich für wesentlich hilfreicher. Menschen brauchen jemanden, der da ist.

Warum glauben Sie, dass Wiedergutmachung oft wirksamer sein kann als reine Bestrafung?

Das Ziel des Strafvollzugs lautet: Gefangene sollen befähigt werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Darin steckt jedoch ein Paradoxon: Freiheit soll durch Freiheitsentzug gelernt werden. Beschädigte Beziehungen sollen durch Ausschluss aus der Gesellschaft geheilt werden. Menschenwürde soll in einem System gewahrt werden, das sehr stark vom Gedanken der umfassenden Kontrolle geprägt ist. Veränderungsprozesse sollen in Gebäuden stattfinden, die in vielen Fällen sensorische Deprivation hervorrufen.

Bestrafung grenzt aus und macht den Inhaftierten zum Objekt, welchem die Freiheit entzogen wird. Wiedergutmachung bewirkt aus meiner Sicht das Gegenteil: Sie belässt den Menschen in seiner Verantwortung, gibt ihm die Möglichkeit, schädigendes Verhalten zu verändern und aktiv etwas wieder gutzumachen, macht ihn damit zum handelnden Subjekt und bindet ihn wieder ein. Dabei geraten die Folgen der Tat für Opfer, deren Angehörige und die Gesellschaft ebenso in den Blick wie die Auswirkungen auf die Täter und deren Umfeld.

Was verstehen viele Menschen über Gefängnisse falsch?

Ich glaube, es geht weniger um das, was Menschen über Gefängnisse falsch verstehen als mehr um Vorurteile. Oft hört man Aussagen wie „Das ist doch Hotelvollzug“ oder „Den Gefangenen geht es viel zu gut“. Dahinter stehen häufig vereinfachte Vorstellungen oder vielleicht auch Rachegedanken. Solche Haltungen finden sich nicht selten bis in die Politik hinein und selbst ehemalige Bundeskanzler formulieren: „Verbrecher gehören weggesperrt, für immer“. Aber das ist nur plakativ und geht an Notwendigkeiten vorbei.

Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich am ersten Arbeitstag in der JVA einen Rat geben könnten – welcher wäre das?

Sei aufmerksam. Sei wachsam. Sei Mensch.

Welchen Satz möchten Sie den Menschen mitgeben, die diese Zeilen gerade lesen?

Sagt niemals: „Das könnte mir nicht passieren.“
Seid dankbar, wenn ihr diese Erfahrung nie machen musstet. Und vergesst nicht: Morgen sind diese Menschen wieder unsere Nachbarn.