Der Motor verstummt. Plötzlich ist da nur noch das laute Schlagen der Wellen gegen den Rumpf, das Kreischen der Möwen und der Wind, der kräftig über die Nordsee weht. Weit draußen vor der Küste, irgendwo zwischen Spiekeroog und den Seehundsbänken, liegt der Kutter „Gorch Fock“ vor Anker. Der Alltag bleibt an Land zurück. Stattdessen erklingen Lieder, Menschen falten die Hände zum Gebet – und für einen Moment wird der Kutter zur Kirche.
Für viele Gäste ist genau dieser Augenblick der Höhepunkt der Kutterfahrt, die die „Kirche unterwegs“ seit vielen Jahren in Neuharlingersiel anbietet. Was als Ausflug zu den Seehundsbänken beginnt, entwickelt sich für viele zu einer Erfahrung, mit der sie nicht gerechnet haben.
„Für viele ist diese Andacht mit dem gemeinsamen Singen und Beten der bewegendste Moment“, erzählt Diakonin Heike Pendias. Sie begleitet die Fahrten seit vielen Jahren. Gerade die besondere Atmosphäre mache den Unterschied. „Es ist eine völlig andere als in einem Kirchengebäude. Wir hören den Wind, die Möwen und die Wellen. Die Nähe zur Natur macht diese Andacht so besonders.“
Dass die Gäste sich darauf einlassen, freut Pendias immer wieder. Viele sind Urlauber, manche kommen ganz bewusst wegen der Andacht, andere entdecken das Angebot eher zufällig. Doch immer wieder erlebt sie, wie Menschen berührt werden. „Mich bewegt es, wenn ich sehe, dass Menschen von Gottes Wort berührt werden. Das bringt eine besondere Dankbarkeit mit sich – bei den Gästen und auch bei mir.“
Die Idee zu den Kutterandachten stammt von einer Kollegin aus der Arbeit der „Kirche unterwegs“ in Harlesiel. Schon nach den ersten Fahrten war für Pendias klar: Dieses Angebot sollte wachsen. Heute gehören die Fahrten zu den bekanntesten Veranstaltungen der Sommersaison.
Möglich werden sie allerdings nur durch das Engagement vieler Menschen. „Ich mache das alles nicht allein“, betont die Diakonin. Ehrenamtliche verbringen einen Teil ihres Urlaubs auf dem Campingplatz und gestalten die Angebote im Kirchenzelt ebenso wie die Andachten auf See. Ein Basisteam kümmert sich um Organisation sowie Auf- und Abbau. Bei den Fahrten arbeitet das Team von „Kirche unterwegs“ eng mit Kapitän Wilhelm Jacobs zusammen, der die „Gorch Fock“ mit großer Leidenschaft steuert.
Auch Jacobs trägt entscheidend dazu bei, dass die Fahrten ihren besonderen Charakter behalten. „Er macht das nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil er inhaltlich voll dahintersteht“, sagt Pendias. Diese Haltung spüren auch die Gäste.
Keine Fahrt gleicht der anderen. Mal glitzert die Sonne auf der Nordsee, mal fordert das Wetter Improvisation. Doch gerade diese Unvorhersehbarkeit gehört für Pendias dazu. „Ich staune immer wieder, dass jede Fahrt anders ist. Und ich bin dankbar, dass ich etwas so Schönes machen darf: An einem zunächst ungewöhnlichen Ort von Gottes Liebe in Jesus zu erzählen und zu erleben, dass er Menschen berührt.“
Wenn der Anker schließlich gelichtet wird und der Kutter Kurs auf Neuharlingersiel nimmt, endet mehr als nur eine Schifffahrt. Manche Gäste verlassen das Schiff mit einem Lächeln, andere nachdenklich. Viele mit dem Gefühl, dass zwischen Himmel und Meer etwas von Gottes Nähe spürbar geworden ist.