Regionalbischöfin Sabine Schiermeyer erinnert im Festgottesdienst an die Anfänge der Gemeinde und ermutigt zum Blick nach vorn
Werlte. Ein Senfkorn ist kaum größer als ein Millimeter – und kann dennoch zu einer stattlichen Pflanze heranwachsen. Dieses Bild aus dem Lukasevangelium stand im Mittelpunkt der Festpredigt von Regionalbischöfin Sabine Schiermeyer zum 75-jährigen Bestehen der St. Lukas-Kirche in Werlte.
1951 begann die Geschichte der evangelischen Gemeinde mit einer kleinen Kapelle. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zahl der evangelischen Christen in Werlte durch Heimatvertriebene aus Schlesien, Pommern sowie Ost- und Westpreußen gewachsen. Viele hatten ihre Heimat und ihren Besitz verloren und mussten sich ein neues Leben aufbauen.
Trotz der schwierigen Zeiten entstand der Wunsch nach einem eigenen Ort für den Glauben. „Nach einem Ort, um Not und Schuld zu klagen und für das Leben zu danken, nach einem Haus, um zu beten, zu singen und wieder zu hoffen“, sagte Schiermeyer in ihrer Predigt.
Im April 1951 begannen am Eichenbrink die Bauarbeiten. Die Kapelle war nach einem Entwurf des Architekten Otto Bartning im Rahmen seines Notkirchenprogramms entstanden und wurde bereits nach acht Wochen fertiggestellt. Finanziert wurde der Bau von Lutheranern aus den USA. Für die Menschen, die nach Werlte gekommen waren, wurde die kleine Kapelle zu einem Ort, an dem sie neuen Halt und Gemeinschaft finden konnten.
Aus diesem kleinen Anfang entwickelte sich über die Jahrzehnte eine lebendige Kirchengemeinde. 1960 wurde sie selbstständig. Ein Pfarrhaus und das Johann-Hinrich-Wichern-Haus kamen hinzu, 1994 eröffnete die Gemeinde einen eigenen Kindergarten. Als die kleine Kapelle schließlich nicht mehr ausreichte, wurde die Kirche erweitert. 2003 waren der Anbau mit zusätzlichen Plätzen, der neue Altarraum und der Glockenturm fertiggestellt. Auch die Martin-Luther-Kirche in Esterwegen wurde zu einem weiteren Predigtort.
Für Sabine Schiermeyer zeigt die Geschichte der Gemeinde, was aus einem kleinen Anfang wachsen kann. Doch zum Jubiläum gehöre auch der ehrliche Blick auf die Gegenwart. Die Kirche stehe heute vor neuen Herausforderungen: sinkende Mitgliederzahlen, veränderte kirchliche Strukturen und die zunehmende Personalnot beschäftigen auch die Gemeinden vor Ort.
Gerade deshalb sei das Bild des Senfkorns auch ein Bild der Hoffnung. Die Zukunft der Kirche hänge nicht allein davon ab, ob sie größer werde. Entscheidend sei, dass Menschen ihren Glauben leben, füreinander da sind und sich für andere einsetzen. „Jede und jeder kann einen Unterschied machen und Großes bewirken“, betonte die Regionalbischöfin.
75 Jahre St. Lukas-Kirche – das sei deshalb nicht nur ein Grund, dankbar zurückzublicken. Es sei auch Anlass, hoffnungsvoll nach vorn zu schauen. Unter ihrem Turm kommen weiterhin Menschen zusammen, feiern Gottesdienste und begleiten einander durch die großen und kleinen Stationen des Lebens.
Text: Julia Fischer, Pressesprecherin Sprengel Ostfriesland-Ems